Vertikal und horizontal gleichzeitig filmen: Der komplette Praxis-Guide für eine Reise

Du kennst das Dilemma: Der atemberaubende Sonnenaufgang über der Bastei in der Sächsischen Schweiz – willst du ihn als cineastisches 16:9-Bild für YouTube oder als knackigen 9:16-Clip für Instagram Reels? Die ehrliche Antwort: beides. Und zwar ohne zwei Kameras, ohne doppelte Wanderung und ohne die Hälfte deiner Erinnerungen zu verlieren.

Ich habe in den letzten Jahren zahlreiche Reisen durch Deutschland und Europa begleitet – von der Lüneburger Heide über die Zugspitze bis zu den Weinbergen an der Mosel – und dabei eine Methode entwickelt, mit der du vertikales und horizontales Material auf derselben Tour sauber produzierst. Dieser Guide zeigt dir Schritt für Schritt, wie das gelingt.

Was du vor der Reise brauchst (Voraussetzungen)

Bevor du losfährst, solltest du drei Dinge klären: deine Zielplattformen, deine Kamera-Ausstattung und deinen Workflow. Wer plant, verliert unterwegs keine Zeit mit Improvisation.

1. Kläre deine Zielplattformen

Horizontales Material (16:9) brauchst du für YouTube, Vimeo, klassische Websites und Fernsehen. Vertikales Material (9:16) ist Pflicht für Instagram Reels, TikTok, YouTube Shorts und Pinterest. Wenn du beides bedienen willst, plane beide Formate von Anfang an ein – nicht als Nachgedanken.

2. Empfohlenes Equipment (in Deutschland erhältlich)

3. Lege deinen Workflow fest

Entscheide vorab: Schneidest du vertikal aus horizontalem Material (Cropping) oder filmst du beide Formate separat? Beides hat Vor- und Nachteile. In diesem Guide zeige ich dir die Hybrid-Methode – also die Kombination aus beidem.

Schritt-für-Schritt-Anleitung: Vertikal und horizontal auf derselben Reise

  1. Schritt 1: Plane deine Drehorte mit beiden Formaten im Kopf

    Bevor du an einen Ort wie den Kölner Dom oder die Elbphilharmonie fährst, überlege: Welche Motive funktionieren horizontal, welche vertikal? Ein weites Panorama der Alpen wirkt horizontal besser. Ein Brunnen auf dem Münchner Marienplatz oder eine enge Gasse in der Altstadt von Regensburg funktioniert vertikal oft stärker.

    Mein Tipp aus der Praxis: Notiere dir pro Location zwei bis drei konkrete Einstellungen – eine horizontale Totale und eine vertikale Detailaufnahme. Das spart vor Ort enorm viel Zeit.

  2. Schritt 2: Richte deine Kamera für horizontales Filmen ein

    Beginne immer mit dem horizontalen Format, denn das ist die Basis für dein Hauptmaterial. Montiere die Kamera auf das Stativ, richte sie mit der Wasserwaage aus und prüfe den Bildausschnitt. Achte auf die Drittel-Regel: Horizontlinie auf ein Drittel der Bildhöhe.

    Film mit 4K und 25 oder 30 fps. So hast du später die Möglichkeit, einen vertikalen Ausschnitt in guter Qualität herauszuschneiden. Bei 4K bleibt nach dem Crop auf 9:16 noch etwa 1080p übrig – völlig ausreichend für Social Media.

  3. Schritt 3: Filme die horizontale Einstellung vollständig

    Nimm die Szene komplett auf – mit Bewegung, Atmosphäre und genügend Vor- und Nachlauf. Ich empfehle mindestens 15 Sekunden pro Einstellung. Gerade bei Reiseaufnahmen wie einem Schwenk über den Bodensee oder einer Fahrt mit der Brockenbahn im Harz brauchst du Material, das sich später gut schneiden lässt.

    Denk daran: Für horizontales Material darfst du langsam schwenken. Hektische Bewegungen wirken auf dem großen Bildschirm unruhig.

  4. Schritt 4: Wechsle auf vertikales Format – ohne umzubauen

    Jetzt kommt der Trick: Wenn dein Stativkopf eine 90-Grad-Neigung erlaubt, kannst du die Kamera einfach vertikal kippen. Bei vielen Stativköpfen (z. B. Manfrotto Befree) ist das mit einer Handbewegung erledigt. Alternativ nutzt du eine zweite Schnellwechselplatte oder ein zweites Stativ.

    Wichtig: Prüfe nach dem Wechsel immer den Bildausschnitt. Vertikal bedeutet nicht, dass du einfach die Mitte nimmst. Überlege, was oben und unten im Bild passiert – der Himmel und der Vordergrund werden wichtiger.

  5. Schritt 5: Filme die vertikale Einstellung mit anderem Fokus

    Vertikale Videos leben von Details und Nähe. Geh näher heran oder zoom leicht hinein. Ein Beispiel: Beim Brandenburger Tor filmst du horizontal die gesamte Fassade, vertikal dann die Quadriga oder die Menschenmenge davor.

    Halte auch hier mindestens 10 bis 15 Sekunden drauf. Und: Bewege die Kamera ruhig. Ein vertikaler Schwenk von oben nach unten über eine Kirchturmspitze in Bamberg wirkt stark – aber nur, wenn er gleichmäßig ist.

  6. Schritt 6: Nutze die Hybrid-Methode für mehr Effizienz

    Wenn du Zeit sparen willst, filme nur horizontal in 4K und croppe später vertikal. Das funktioniert hervorragend bei statischen Motiven oder langsamen Bewegungen. Bei schnellen Action-Szenen – etwa beim Surfen an der Nordsee oder beim Mountainbiken im Sauerland – solltest du jedoch separat vertikal filmen, weil der Crop sonst zu viel Bildinformation verliert.

    Meine Faustregel: Statische Landschaften und Architektur = Crop aus 4K. Menschen, Bewegung, Emotionen = separat vertikal filmen.

  7. Schritt 7: Achte auf Licht und Belichtung in beiden Formaten

    Ein häufiger Fehler: Du stellst die Belichtung für horizontal ein und wechselst dann vertikal, ohne nachzujustieren. Gerade bei Gegenlicht – etwa bei einem Sonnenuntergang an der Mecklenburgischen Seenplatte – kann das vertikale Bild plötzlich über- oder unterbelichtet sein.

    Prüfe nach jedem Formatwechsel das Histogramm und passe Blende, ISO oder Belichtungszeit an. Ein ND-Filter hilft, die Belichtungszeit konstant zu halten.

  8. Schritt 8: Sichere dein Material strukturiert

    Nichts ist schlimmer, als nach einer Reise durch den Bayerischen Wald hunderte Clips zu sortieren, ohne zu wissen, welcher vertikal und welcher horizontal ist. Lege auf deiner SD-Karte oder SSD getrennte Ordner an: „16x9“ und „9x16“. Benenne die Dateien nach Ort und Datum, z. B. „20240615_Zugspitze_16x9“.

    Ich nutze dafür eine kleine SSD von Samsung (T7) und sichere abends im Hotelzimmer. So geht unterwegs nichts verloren.

  9. Schritt 9: Schneide beide Formate getrennt

    In der Postproduktion trennst du die Formate. Für horizontales Material nutzt du Programme wie DaVinci Resolve (kostenlos), Adobe Premiere Pro oder Final Cut Pro. Für vertikale Clips reicht oft CapCut oder InShot – beide sind kostenlos und auf Deutsch verfügbar.

    Beim Croppen aus 4K: Achte darauf, dass du den Bildausschnitt nicht zu stark verkleinerst. Ein 9:16-Crop aus 4K entspricht etwa 1080x1920 Pixeln – das ist die optimale Auflösung für Instagram und TikTok.

  10. Schritt 10: Exportiere plattformgerecht

    Exportiere horizontal in 3840x2160 oder 1920x1080, vertikal in 1080x1920. Achte auf die Bitrate: Für YouTube reichen 20–30 Mbit/s, für Instagram und TikTok 10–15 Mbit/s. Die Dateigröße bleibt so handhabbar, auch wenn du unterwegs mit mobilem Datenvolumen arbeitest.

    Ein letzter Tipp: Lade vertikale Clips direkt nach dem Schnitt hoch, solange die Reise noch frisch ist. Der Algorithmus belohnt Aktualität.

Häufige Fehler – und wie du sie vermeidest

Fehler 1: Nur horizontal filmen und vertikal vergessen

Das passiert den meisten. Du konzentrierst dich auf das cineastische Bild und merkst erst nach der Reise, dass du für Social Media nichts hast. Lösung: Nimm dir pro Location fünf Minuten Zeit für vertikale Aufnahmen. Das reicht oft schon.

Fehler 2: Vertikal ohne Plan filmen

Einfach die Kamera hochkant stellen und draufhalten – das reicht nicht. Vertikale Videos brauchen eine klare Bildkomposition. Überlege: Was ist oben, was unten? Wo ist der Fokus? Ein vertikales Video vom Heidelberger Schloss funktioniert nur, wenn du bewusst den Turm oder die Aussicht ins Tal zeigst.

Fehler 3: Zu schnell schwenken

Gerade bei vertikalen Aufnahmen neigen viele dazu, hektisch zu schwenken. Das wirkt auf dem kleinen Bildschirm noch unruhiger als horizontal. Nimm dir Zeit, atme ruhig und bewege die Kamera langsam.

Fehler 4: Keine Reserven bei der Auflösung

Wer in 1080p filmt und dann vertikal croppt, verliert massiv an Qualität. Filme immer in 4K, wenn du croppen willst. Die Speicherkarten sind heute günstig – eine 128-GB-Karte von SanDisk kostet in Deutschland etwa 20 Euro.

Fehler 5: Kein Backup unterwegs

Ich habe es selbst erlebt: Eine volle SD-Karte und keine Möglichkeit, sie zu sichern. Seitdem habe ich immer eine zweite Karte und eine kleine SSD dabei. Gerade auf Mehrtagestouren durch die Sächsische Schweiz oder den Schwarzwald ist das essenziell.

Troubleshooting: Was tun, wenn es nicht klappt?

Problem: Das vertikale Bild ist verwackelt

Nutze ein Stativ oder einen Gimbal. Wenn du freihand filmen musst, stütze die Kamera an einer Mauer, einem Geländer oder deinem Körper ab. Bei Smartphones hilft der integrierte Stabilisator – bei Kameras ein Objektiv mit OIS (optischer Bildstabilisierung).

Problem: Der Crop aus 4K sieht unscharf aus

Das liegt oft an zu niedriger Bitrate oder an einem zu starken Zoom. Filme mit hoher Bitrate (mindestens 100 Mbit/s) und croppe nicht mehr als 50 Prozent des Bildes. Alternativ: Filme separat vertikal.

Problem: Die Belichtung stimmt nicht

Nutze die Zebra-Funktion deiner Kamera oder das Histogramm. Bei starkem Kontrast – etwa in den Alpen – hilft ein ND-Filter oder eine Belichtungsreihe. Notfalls: Manuell belichten und die Werte notieren.

Problem: Du hast zu wenig Zeit für beide Formate

Dann priorisiere. Frage dich: Welches Format brauche ich wirklich? Wenn YouTube dein Hauptkanal ist, filme horizontal und croppe vertikal nur für die wichtigsten Szenen. Wenn Instagram deine Hauptplattform ist, dreh den Spieß um.

Fazit: Beide Formate gehören auf jede Reise

Vertikal und horizontal gleichzeitig zu filmen ist keine Hexerei – es erfordert nur Planung, die richtige Ausrüstung und etwas Übung. Mit der Hybrid-Methode aus 4K-Cropping und gezielten vertikalen Aufnahmen holst du das Maximum aus jeder Reise heraus, egal ob an der Ostsee, in den Alpen oder in den Städten Deutschlands.

Mein persönlicher Tipp: Übe den Formatwechsel schon vor der Reise – am besten im heimischen Garten oder auf dem Balkon. Wenn du die Handgriffe blind beherrschst, kannst du dich unterwegs voll auf das Motiv konzentrieren. Und das ist am Ende das Wichtigste: die Geschichte, die du erzählst – in jedem Format.

Also: Pack deine Kamera, plane beide Bildformate ein und leg los. Deine nächste Reise wird doppelt so viele Erinnerungen liefern.